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Koelhoffsche Chronik 1499

Titelblatt

In einem Lehr-Lern-Projekt an mehreren Universitäten wird seit 2022 der Inkunabeldruck der „Cronica van der hilliger Stat van Coellen“, kurz Koelhoffsche Chronik genannt, digital ediert und inhaltlich erschlossen (vgl. https://www.uni-muenster.de/Geschichte/histsem/LG-G/Forschen/koelhoffschechronik.html).

Schon das Titelblatt der Koelhoffschen Chronik macht in Text und Bild eindrucksvoll deutlich, dass in ihr die Geschichte der heiligen Stadt Köln erzählt werden soll. Im ganzseitigen Titelholzschnitt sind sieben heilige Bischöfe von Köln im Gefolge des heiligen Petrus um das Kölner Stadtwappen angeordnet. Die Bildkomposition erinnert nicht nur an die historiographische Hauptvorlage, die Agrippina. Sie spielt zudem auf den Drucker Johann Koelhoff d. J. an und gibt Köln als Reichs- und Hansestadt zu erkennen.

Abb. 1: Die Cronica van der// hilliger Stat Coellen, Köln: Johann Koelhoff d. J., 1499; GW 6688; Universitätsbibliothek Münster, Inc 173; https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:6:1-430058, fol. Ir; Bildrechte: keine (Public Domain).

Das Titelblatt (Abb. 1) ist ein zentraler Funktionsträger eines Buches, es lässt erste Erwartungen über den Inhalt und die Programmatik des gesamten Werkes entstehen. Schon im Spätmittelalter diente es dazu, das Buch zu bewerben, auf seine Inhalte anzuspielen und Interessent*innen zum Kauf zu animieren. Koelhoff entschied sich, seine Chronik mit einer Text-Bild-Kombination zu eröffnen.

Der Titel Die Cronica van der hilliger Stat van Coellen dominiert den Seitenanfang, ganz unten ist angefügt: Sancta Colonia diceris hinq. quia sanguine tincta / Sanctorum meritis. quorum stas undique cincta, wobei Schreibweise und Interpunktion des Titels und Untertitels in verschiedenen Exemplaren geringfügig variieren. Die lateinischen Verse lassen sich übersetzen mit: „Du wirst deshalb ‚heiliges Köln‘ genannt, weil du vom Blut der Heiligen getränkt bist, durch deren verdienstvolle Taten du auf allen Seiten geschmückt dastehst.“ Das Motiv der Kölner Heiligkeit wird also zu einer festen Größe für alles Nachfolgende. Außerdem werden die Stadtheiligen eingeführt. Dass ihr Blut das „heilige Köln“ tränkte, stellt einen Zusammenhang zwischen Märtyrertoden und Reliquienkult mit der Heiligkeit her. Sie durchdringt die ganze Stadt und konstituiert sich aus einem Wechselverhältnis: Die Stadt bringt Menschen hervor, die durch ihre Verdienste in die Geschichte eingehen und zu Heiligen werden, und die Heiligen wirken mittels ihrer Reliquien und als Himmelsgemeinschaft zugunsten der Stadt und ihrer Bewohner*innen. Titel und Untertitel kündigen Historiographie, Religion und Unterhaltung an. Glaubenskraft und Lokalstolz verschränken sich auch im Titelholzschnitt.

Abb. 2: Heinrich van Beeck, Agrippina B, um 1472, HAStK, Best. 7030 (Chroniken und Darstellungen (C+D)), 20, fol. 55r; Foto und Bildrechte: HAStK; alle Rechte ebd. vorbehalten.

Das Bildzentrum wird vom Kölner Stadtwappen ausgefüllt. Es ist umgeben von typisiert gestalteten Heiligenfiguren. Versammelt sind sieben heilige Bischöfe, die als solche durch Gewänder, Mitren, Nimben und Bischofsstäbe zu erkennen sind und sich aus Wolkenabbreviaturen erheben. Diesen Stadtheiligen ist der heilige Petrus übergeordnet, er galt schon damals als Patron der Stadt und des Erzstifts von Köln. Sein Attribut, der Schlüssel, gewährt nicht nur Zugang zum Himmelreich, sondern in diesem Fall auch zu Köln, der Erzdiözese und zugleich zur Chronik. Maternus stand in besonderem Sohnesverhältnis zu ihm, gründete die Diözese und war ihr erster Bischof. Er und Severinus übten das Bischofsamt im 4. Jahrhundert aus, Evergislus und Kunibertus folgten im 6. bzw. 7. Jahrhundert. Im 8. Jahrhundert schloss sich Agilolphus an, und Heribertus und Anno II. lebten und wirkten im 11. Jahrhundert. Viele ihrer Gebeine wurden im Stadtgebiet verwahrt und verehrt, einigen wurden Kirchen gestiftet. Sie verketten Jahrhunderte und kommen im Himmelreich zusammen; sie alle sind dem Stadtwappen von Köln zugewandt.

Abb. 3: Rodolphus de Novimagio, Legenda litteralis Alberti Magni, Köln: Johann Koelhoff d.Ä., 11.IX.1490; Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, 3 an: Cod. 1077; https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:kn28-1-21173, fol. 112v; Bildrechte: Lizenz CC BY-NC 4.0.

Das Schildhaupt des Stadtwappens ist von drei Kronen ausgefüllt, das untere Wappenfeld enthält 21 Striche. Darüber befindet sich ein Spangenhelm mit Oberwappen, das von Pfauenfedern umkränzt ist und sowohl die Kronen als auch die Striche wieder aufgreift. Aus dem Helm breiten sich geschwungene Ranken zu beiden Seiten aus. Die drei Kronen im kölnischen Stadtwappen beziehen sich auf die heiligen drei Könige. Sie füllen das Schildhaupt, seit die Stadt Köln ihr eigenes Wappen einführte; die älteste Darstellung stammt von ca. 1320 und ziert ein Chorfenster des Kölner Doms. Das untere, weiße Wappenfeld steht mit der heiligen Ursula in Verbindung. 1475, als Kaiser Friedrich III. den Status Kölns als Freie Reichsstadt offiziell beurkundete, wurden die weißen Hermelinschwänzchen ihres Familienwappens ins Stadtwappen aufgenommen. So kommen auch sie, ihr Gefolge und die heiligen drei Könige mittelbar ins Bild und repräsentieren eine Vielzahl weiterer Stadtheiliger.

Abb. 4: Türzieher vom Lübecker Rathaus, Lübeck, unbekannter Künstler (Werkstatt des Johannes Apengeter?), um 1350, Bronze, 64 x 63 cm; Lübeck, St. Annen-Museum, Inv.-Nr. 1978-13; Foto und Bildrechte: St. Annen-Museum Lübeck/1978-13; alle Rechte ebd. vorbehalten.

Text und Bild des Titelblatts wurden aus der Agrippina (Abb. 2) übernommen, in die Druckgraphik überführt und zum Titelblatt erhoben. 2023 konnte Brogner zwei weitere ikonographische Bezüge herstellen; die Publikation eines Aufsatzes zu diesem Thema ist für 2026 in Vorbereitung. Erstens besteht eine Analogie zwischen der Wappengestaltung auf dem Titelblatt und einem der Druckersignets von Koelhoffs Offizin (Abb. 3). Das Signet war seit den 1490er Jahren in Gebrauch, versicherte die Herkunft und Qualität des Produkts, und zeigt das Kölner Stadtwappen, das von einem Löwen und einem Greifen gehalten wird. Aussagekräftig ist nicht der Vergleich der Wappen, sind Wappen doch standardisiert gestaltet; signifikant sind die Ähnlichkeiten in der Gestaltung des hinzugefügten Spangenhelms mit Oberwappen, Pfauenschweif und Rankenzier. Im Signet und im Titelblatt sehen sie nahezu identisch aus. In der Annahme, dass seine langjährige Kundschaft diese Analogie erkannte, könnte Koelhoff seine Vorlagen zu dieser Bildlösung verarbeitet haben, u.a. um mit der eigenen Druckermarke in einem neuen Kontext auf sich selbst zu verweisen.

Abb. 5: Großer Hansischer Privilegar A, Brügge, unbekannter Künstler, um 1460/1486, Pergament, 34 x 23,5 cm; HAStK, Best. 81 (Hanse I (Kopiare u.a.)), 1, fol. 15v; Foto und Bildrechte: HAStK; alle Rechte ebd. vorbehalten

Zweitens steht der Bildaufbau in Relation zu Darstellungen der Wahl des römisch-deutschen Königs durch die sieben Kurfürsten. Da nur der deutsche König zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches erhoben werden konnte, kam die Königswahl der Kaiserwahl gleich. Darstellungen der Königswahl, die den neuen König mit seinen Insignien üblicherweise inmitten der sieben Kurfürsten zeigen, wurden daher von Reichsstädten zur politischen Repräsentation eingesetzt. So zieren diese acht Figuren beispielsweise seit ca. 1350 den Türzieher des Lübecker Rathauses (Abb. 4). Ein weiteres Beispiel, das Vorsatzblatt des Großen Hansischen Privilegars (Abb. 5) aus Brügge von etwa 1460/1486, weist Ähnlichkeiten zur Agrippina und der Koelhoffschen Chronik auf.

Errata (30.07.2026, Julia Bruch): Aufgrund eines Kopierfehlers fehlte in der ersten Version der letzte Absatz. Dieser lautet wie folgt:

Auch hier rahmen acht Männer ein Wappen ein, und die Figur in der oberen Bildmitte hat eine Führungsposition inne. Es handelt sich um den thronenden Kaiser, der seine Insignien bei sich und sein Wappen auf seiner Brust trägt. Er repräsentiert das Kaiserreich, das von ihm regiert und von den sieben Kurfürsten mitgestaltet wird. Sie sind ihm untergeordnet und üben ihren Einfluss zugleich zugunsten der Vereinigung aus, deren Wappen sie umgeben. Es ist das Wappen des Hansekontors der deutschen Kaufleute zu Brügge, das 1486 durch Kaiser Friedrich III. verliehen und in auffallender Ähnlichkeit zum kaiserlichen Doppeladler-Wappen gestaltet wurde. Das Vorsatzblatt zeigt exemplarisch, dass sich die Hanse häufig reichsstädtischer Bildsymbolik bediente. Die Agrippina und infolgedessen die Koelhoffsche Chronik übernehmen den formalen Aufbau, die Komposition, wie sie für die Königswahl-Darstellung tradiert ist. Da Köln sowohl Reichs- als auch Hansestadt war, zeugt die Titelblatt-Gestaltung auch von diesem Status. Mit ihrer Komplexität kündigt sie gleichermaßen komplexe Buchinhalte an.

Abkürzungen:

HAStK: Historisches Archiv der Stadt Köln mit Rheinischem Bildarchiv

Literatur:

Bodo Brinkmann, Katalog-Nr. VI.54 Hansekopiar, in: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 964 bis 1806. Von Otto dem Großen bis zum Ausgang des Mittelalters. 29. Ausstellung des Europarates in Magdeburg und Berlin und Landesausstellung Sachsen-Anhalt. Bd 1: Katalog, hrsg. von Matthias Puhle und Claus-Peter Hasse, Dresden 2006, S. 570–573.

Jill-Marie Brogner, Eine Analyse des Bildprogramms der „Koelhoffschen Chronik“ von Köln aus dem Jahre 1499, unveröffentlichte Masterarbeit, Jena 2023.

Danielle Buschinger, Die Cronica van der hilliger Stat van Coellen oder die „Koelhoffsche Chronik“, in: Strukturen und Funktionen in Gegenwart und Geschichte. Festschrift für Franz Simmler zum 65. Geburtstag, hrsg. von Claudia Wich-Reif, Berlin 2007, S. 465–486.

Heinz Finger, „Drîer künege kamerære“. Zu Selbstverständnis und „Selbstdarstellung“ der Kölner Kirche und ihrer Erzbischöfe im Mittelalter, in: Analecta Coloniensia. Jahrbuch der Diözesan- und Dombibliothek Köln 1 (2001), S. 51–88.

D.L. Galbreath und Léon Jéquier, Handbuch der Heraldik, München 1989.

Hans-Joachim Koppitz, Studien zur Tradierung der weltlichen mittelhochdeutschen Epik im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert, München 1980.

Klaus Krüger, Zur Symbolik des Reichs in Hansestädten und hansischen Niederlassungen, in: Kaisertum, Papsttum und Volkssouveränität im hohen und späten Mittelalter. Studien zu Ehren von Helmut G. Walther, hrsg. von Stephan Freund und Klaus Krüger (Jenaer Beiträge zur Geschichte 12), Frankfurt am Main 2017, S. 93–119.

Anton Legner, Kölner Heilige und Heiligtümer. Ein Jahrtausend europäischer Reliquienkult, Köln 2003.

Militzer, Klaus: Collen eyn kroyn boven allen steden schoyn – Zum Selbstverständnis einer Stadt, in: Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln e.V. 1 (1986), S. 15–32.

Wilhelm Neuss und Friedrich Wilhelm Oediger, Geschichte des Erzbistums Köln. Erster Band: Das Bistum Köln von den Anfängen bis zum Ende des 12. Jahrhunderts, hrsg. von Wilhelm Neuss, Köln 1964.

Werner Paravicini, Edelleute und Kaufleute im Norden Europas, hrsg. von Jan Hirschbiegel, Andreas Ranft und Jörg Wettlaufer, Ostfildern 2007.

Wolfgang Schmitz, Die Emanzipation des Drucks von der handschriftlichen Tradition im 15. Jahrhundert, in: Das historische Erbe in der Region. Festschrift für Detlev Hellfaier, hrsg. von Axel Halle [u.a.], Bielefeld 2013, S. 45–55.

Heiko Steuer, Das Wappen der Stadt Köln (Aus der Kölner Stadtgeschichte), Köln 1981.

Henning Wendland, Signete. Deutsche Drucker- und Verlegerzeichen 1457–1600, Hannover 1984.

Armin Wolf, Die Entstehung des Kurfürstenkollegs 1198–1298. Zur 700-jährigen Wiederkehr der ersten Vereinigung der sieben Kurfürsten (Historisches Seminar – Neue Folge, Band 11), Idstein 22000.

Alle angegebenen Links wurden am 25. Juni 2026 geprüft.


Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Julia Bruch, Carla Meyer-Schlenkrich und Paul Schweitzer-Martin.

Jill Marie Brogner
Jill Marie Brogner

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Jill Marie Brogner (6. Juli 2026). Koelhoffsche Chronik 1499. Mittelalter. Abgerufen am 14. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16ils


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