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Koelhoffsche Chronik 1499

Kölner Dom

In einem Lehr-Lern-Projekt an mehreren Universitäten wird seit 2022 der Inkunabeldruck der „Cronica van der hilliger Stat van Coellen“, kurz Koelhoffsche Chronik genannt, digital ediert und inhaltlich erschlossen (vgl. https://www.uni-muenster.de/Geschichte/histsem/LG-G/Forschen/koelhoffschechronik.html).

Der Dom prägt als markantes Wahrzeichen die Fremd- und Selbstwahrnehmung der Stadt Köln. Seine Bedeutung ging dabei stets über die Funktion als Kathedrale des Erzbistums Köln hinaus. Dies lässt sich auch in der Koelhoffschen Chronik textlich und visuell nachvollziehen.

Die Koelhoffsche Chronik verfügt über kein zusammenhängendes Kapitel, das sich ausschließlich mit der Thematik des Kölner Doms auseinandersetzt. Stattdessen verteilen sich die Textstellen über die gesamte Chronik. Der Umfang, in welchem der Dom Erwähnung findet, ist ebenso verschieden wie die Funktionen der Erzählungen, die auf die Kathedrale Bezug nehmen. Eine Konstante ergeben jedoch die Holzschnitte mit den Stadtansichten Kölns, die stets den Dom als zentrales Element aufweisen (fol. XXXr, fol. XLIXr, fol. LXIv, fol. LXXXVIIIv, fol. CXLv, fol. CLXXIIIv, fol. CCXXIIIr).

Auffällig ist dabei, dass sich der Dom auf allen der sieben angeführten Holzschnitte kontinuierlich im selben Bauzustand zu befinden scheint: Unabhängig vom zeitlichen Kontext der jeweiligen Erzählung steht ein hölzerner Kran auf dem Torso eines Turms. Somit fixieren die Holzschnitte jenen Bauzustand, der zur Zeit des Drucks der Chronik erreicht worden war. Dem unvollendeten Dom kommt ein wesentlicher Wiedererkennungswert zu. Auch die erste Erwähnung der Stadt, die zunächst den Namen Agrippina trug, wird durch einen Holzschnitt samt Dom illustriert (fol. XXXr). Dass hier eine bereits befestigte und gewachsene Stadt einschließlich einer Kathedrale präsentiert wird, überrascht vor allem durch den Kontrast zu einem Holzschnitt, der als wiederkehrendes Motiv die Erzählungen um die Gründung der Städte Troja (fol. XVIr), Rom (fol. XVIIv), Augsburg (fol. XXIXv), Jerusalem (fol. LXIIv) und Lübeck (fol. CLXVr) ergänzt. Der mehrfach abgedruckte Holzschnitt zeigt die Silhouette einer sich noch im Bau befindlichen Stadt mitsamt einigen Handwerkern. Eine individuelle Bezugnahme auf die jeweiligen Orte erfolgt dabei nicht. Im Gegensatz dazu sind die Ansichten Kölns aufwändig gestaltet und durch das Detail des Doms exklusiv auf die Stadt zugeschnitten. Doch überrascht dieser Kontrast nicht: Schließlich widmet sich die Koelhoffsche Chronik der Geschichte der Stadt Köln.

Während die bildlichen Verweise auf den Dom dessen Baugeschichte nicht nachzuzeichnen vermögen, widmet der Autor verschiedene Textstellen dieser Thematik. Dabei unterscheidet er zwischen einem ,Alten‘ und einem ,Neuen Dom‘. Mit Nachdruck betont er, dass der im Jahre 870 geweihte Bau nicht derselbe sei, der 1499, dem Erscheinungsjahr der Chronik, in Köln stehe (fol. CXVv und fol. CXXIIr). Dies sei bereits der ,Neue Dom‘, jene Kathedrale also, die erst im 19. Jahrhundert fertiggestellt werden sollte und noch heute das Stadtbild Kölns prägt. Auffällig ist, dass der Autor zunächst bei der architektonischen Beschreibung des ,Neuen Doms‘ verweilt (fol. CXVv), bevor er sich dem Vorgängerbau zuwendet. Dabei greift er auf die Aussagen von Zeitzeugen zurück, die noch einen großen Teil des Überbaus gesehen hätten, bevor der ,Alte Dom‘ schrittweise zur Errichtung der neuen Kathedrale abgebaut worden sei. Diesen Zustand des Rückbaus beschreibt die Chronik und fixiert damit eine Momentaufnahme des Jahres 1499. Der starke Rekurs auf die eigene Gegenwart fällt in vielen Kapiteln auf, die sich mit dem physischen Bau des Doms auseinandersetzen. Der Autor beschreibt die noch bestehenden Elemente des ,Alten Doms‘ und führt die Fortschritte im Bau des ,Neuen‘ auf. Dabei versucht er sorgfältig nachzuzeichnen, welchen Bauherren welche Veränderungen zuzuordnen seien (fol. CLXXVr, fol. CLXXVIIr, fol. CXCVIIIv). Die Gestaltung des inneren Kirchenraums erwähnt der Chronist hingegen kaum (fol. CCLIXr, fol. CCLXIIr, fol. CCLXIIv). Jedoch nehmen die Glocken einen zentralen Platz in der Beschreibung der materiellen Ausstattung des Doms ein. Es lassen sich zahlreiche Passagen ausmachen, die auf die Reparatur, Neuanfertigung oder Installation der Domglocken verweisen, wobei Details wie das Gewicht und die Kosten der Glocken Erwähnung finden (fol. CCCIIIIv, fol. CCCVr, fol. CCCVIr, fol. CCCVIIIv–fol. CCCIXr, fol. CCCXv).

Neben der Beschreibung der baulichen Beschaffenheit des Doms führt der Chronist auch dessen immaterielle Bedeutung für die Stadt Köln an, schließlich fungiert die Kathedrale als liturgischer und sakraler Raum. Eine herausragende Stellung kommt dabei den Reliquien der Heiligen Drei Könige zu, die den Dom bis heute zu einem wichtigen Pilgerzentrum der Katholischen Kirche machen. Der Chronist berichtet von der Überführung der Gebeine durch den Erzbischof Rainald von Dassel aus Mailand im Jahr 1164 (fol. CLXXIIIv–fol. CLXXVr) und unterstreicht den Bedeutungszuwachs, den die Stadt dadurch erfahren habe. So sei Köln vor dem Ereignis im Heiligen Römischen Reich wenig beachtet worden (fol. XXXVIIIr–fol. XXXVIIIv). Die Aufwertung Kölns durch die Präsenz der Reliquien habe sich neben dem ideellen, religiös ausgedeuteten Wert auch städtebaulich niedergeschlagen. Durch die vielen Opfergaben der Pilger habe die Kirche von Köln Reichtum erlangt. Auch hätten einige Bischöfe sowie weltliche Machthaber die Stadt um neue Gebäude ergänzt (fol. CLXXIIIIr–fol. CLXXIIIIv). Neben den unzähligen Reliquien – die Koelhoffsche Chronik nennt noch weitere Objekte wie den „oberen Teil des Petrus-Stabs“ (fol. CXXXIIIv) – trägt auch die Funktion des Doms als Grablege geistlicher und weltlicher Herrscher zu der sakralen Bedeutung der Kathedrale bei. Die Textstellen, die den Dom als Bestattungsort thematisieren, setzen unterschiedliche Akzente und variieren in ihrer Dynamik und Länge. Es fällt auf, dass manche Abschnitte rein informativ sind (vergleiche hierzu exemplarisch fol. CLVIIr), während andere auf starke narrative Elemente zurückgreifen und die Todesumstände sowie die Bestattungszeremonie eingehend beschreiben (fol. CCCXVr–fol. CCCXVv). Auch andere liturgische Praktiken werden in der Chronik explizit genannt, meist im Zuge außeralltäglicher Ereignisse. Beispiele hierfür sind Berichte über eine Messe anlässlich einer Krönungsfeier (fol. CCLXXXVIIr) oder eine Prozession in Reaktion auf ein verlustreiches Erntejahr (fol. CCCVIr–fol. CCCVIv). Dass der Dom darüber hinaus auch im Alltag als liturgischer Ort genutzt wurde, bleibt in der Koelhoffschen Chronik weitgehend unerwähnt.

Nicht zuletzt fungiert der Dom durch seine dominante Stellung im Stadtzentrum auch als öffentlicher Raum. In dieser Funktion wird er in einigen Passagen der Chronik vorgestellt. So habe eine gewaltsame Auseinandersetzung in der Stadtbevölkerung im Jahre 1157 durch den Bischof geschlichtet werden müssen, der die Konfliktparteien ihre Geldstrafe in einem Saal beim Dom vor dem versammelten Volk entrichten ließ (fol. CCVr–fol. CCVv). Als spektakuläre Kulisse erweist sich der Dom zudem in der Schilderung des Aufstandes der Bürgerschaft gegen den Bischof Anno im Jahr 1074. Im Zuge der eskalierenden Gewalt habe sich Anno mitsamt einiger Gefolgsleute in den Dom zurückgezogen. Um dem wütenden Volk nicht zum Opfer zu fallen, seien die Männer schließlich unbemerkt durch einen Durchlass in der Stadtmauer geflohen, bekannt als ,Annoloch‘ (fol. CLVIIIv–fol. CLXIIr).

Die Erzählungen über den Kölner Dom in der Koelhoffschen Chronik erfüllen verschiedene Funktionen: Sie beschreiben die bauliche Entwicklung der Kathedrale, betonen ihre sakrale Bedeutung als Pilger- und Begräbnisstätte und stellen sie als zentralen öffentlichen Raum dar. Während die Holzschnitte den Dom als unveränderliches Wahrzeichen der Stadt fixieren, greifen die Texte dessen historische Bauentwicklungen auf. Dabei wird die generationsübergreifende Bedeutung des Doms als religiöses Zentrum und als identitätsstiftende Institution für Köln deutlich.

Literatur:

Hartmut Beckers, Art. „Koelhoffsche Chronik“, in: Verfasserlexikon 1, Berlin 1978, Sp. 7–10.

Hermann Cardauns, Die Chroniken der niederrheinischen Städte. Cöln 2 (Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert 13), Leipzig 1876.

Manfred Groten, Art. „Köln. Mittelalter“, in: LexMa 5, München 2003, Sp. 1256–1261.

Peter Johanek, Das Gedächtnis der Stadt. Stadtchronistik im Mittelalter, in: Handbuch Chroniken des Mittelalters, hrsg. von Gerhard Wolf und Norbert Ott, Berlin 2016, S. 337–398.

Alle angegebenen Links wurden am 25. Juni 2026 geprüft.


Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Julia Bruch, Carla Meyer-Schlenkrich und Paul Schweitzer-Martin.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Paula König (20. Juli 2026). Koelhoffsche Chronik 1499. Mittelalter. Abgerufen am 9. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16lko


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