Koelhoffsche Chronik 1499
Einführung
In einem Lehr-Lern-Projekt an mehreren Universitäten wird seit 2022 der Inkunabeldruck der „Cronica van der hilliger Stat van Coellen“, kurz Koelhoffsche Chronik genannt, digital ediert und inhaltlich erschlossen (vgl. https://www.uni-muenster.de/Geschichte/histsem/LG-G/Forschen/koelhoffschechronik.html).
Die auf 1499 datierte Inkunabel „Cronica van der hilliger Stat van Coellen“, nach ihrem Drucker auch Koelhoffsche Chronik genannt und aktuell in mindestens 244 Exemplaren bekannt (GW 6688 [https://gesamtkatalogderwiegendrucke.de/docs/GW06688.htm]), gilt als erste Stadtchronik, die im Druck verbreitet wurde. Trotz ihrer Bedeutung für Medien- und Historiographiegeschichte fand sie in der Forschung lange nur am Rand Beachtung. Erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts, verstärkt seit dem letzten Jahrzehnt, erfährt sie größere Aufmerksamkeit; trotzdem stehen eine moderne Edition und eine umfassende wissenschaftliche Erschließung bislang aus. Im Rahmen eines über mehrere Semester angelegten und an mehreren Universitäten durchgeführten Lehr- und Forschungsprojekts soll die über 360 Blätter starke, reich illustrierte „Cronica“ daher digital zugänglich gemacht werden. Geboten werden soll nicht nur eine Transkription des Chroniktexts. Teil des Projekts sind auch kurze Einführungstexte, die zentrale Inhalte der Koelhoffschen Chronik sowie ihre Entstehungs- und Wirkungsgeschichte jeweils „in tausend Worten“ vorstellen. Sie werden auf dem „Mittelalter“-Blog vorab veröffentlicht.
Seit dem Sommersemester 2022 läuft das Lehr- und Forschungsprojekt „Koelhoffsche Chronik 1499 digital“ unter der Leitung von Julia Bruch (Köln), Carla Meyer-Schlenkrich (Münster) und Paul Schweitzer-Martin (München). Wissenschaftliches Ziel ist es, die umfangreiche volkssprachige Weltchronik in Form einer halb-automatisiert erstellten Transkription gemeinsam mit digitalen Faksimiles der Chronikseiten synoptisch zu publizieren und diese Transkription mit der bislang verfügbaren Teil-Edition des Chroniktextes, verantwortet von Hermann Cardauns in zwei Bänden (1876 und 1877), zu verknüpfen. Als Grundlage dient das Exemplar Inc. 173 der Inkunabel aus den Beständen der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Münster, das uns in hochauflösenden Digitalisaten zur Verfügung gestellt wurde [https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/titleinfo/7159780].
Die Transkription wurde mit Hilfe der Plattform Transkribus im Rahmen mehrerer Kurse an den Universitäten Köln, Münster und München erarbeitet. Für die spezifischen Typen-Alphabete der Chronik wurde ein eigenes Erkennungs-Modell trainiert, das eine sehr geringe Fehlerquote (sog. „Character Error Rate“) von etwa einem Prozent erzielt. Im Herbst 2025 konnte ein dreiköpfiges Team – darunter eine Teilnehmerin aus einem der Münsteraner Kurse – finanziert werden, um die Überschriften sowie die Kopf- und Fußzeilen der Chronik systematisch von Hand zu korrigieren. Der nächste Arbeitsschritt wird sein, die Ergebnisse auf einer projekteigenen Homepage zu publizieren, deren technische Umsetzung der freiberufliche DH-Spezialist Christoph Forster (Berlin) verantwortet. Die Finanzierung sowohl seiner Tätigkeiten als auch der bereits erwähnten Korrekturaufgaben wird durch die Universität Münster übernommen, die zudem künftig das Hosting und die dauerhafte Pflege der Projekthomepage gewährleistet.
Parallel zu den editorischen Bemühungen um die Koelhoffsche Chronik hat das Projekt auch das Ziel, einen inhaltlichen Beitrag zu ihrer Erforschung zu leisten. Einen wichtigen Auftakt hierzu bildete ein Themennachmittag zur Chronik, der am 28. Oktober 2022 im Rahmen der „Freitagskolloquien“ des Instituts für vergleichende Städtegeschichte Münster und des Münsteraner Historischen Seminars stattfand und dessen Beiträge auch in größeren Teilen in Fachorganen publiziert werden konnten. Zugleich bot das Münsteraner „Freitagskolloquium“ eine wichtige Gelegenheit für alle Projektbeteiligten, in Präsenz zusammen zu kommen und Kontakte zu Masterstudierenden respektive Doktorandinnen zu knüpfen, die aktuell an verschiedenen Universitäten zur Koelhoffschen Chronik arbeiten.
Die inhaltliche Arbeit an der Chronik soll auch auf der geplanten Projekthomepage sichtbar werden. Dem Charakter des Projekts als Beispiel forschenden Lernens entsprechend hat sich das Team bewusst dafür entschieden, auf einen in klassischen historisch-kritischen Editionen üblichen Anmerkungsapparat zu verzichten. Stattdessen sollen sowohl die Inhalte als auch die Entstehungs- bzw. Wirkungsgeschichte der Koelhoffschen Chronik über flankierende Texte näher erschlossen werden. Perspektivisch werden sie auf der projekteigenen Homepage zum einen wie in einem Lexikon in alphabetisch sortierten Listen bereitgestellt, zum anderen aber auch direkt mit der Transkription des Chroniktexts verlinkt.
Wichtige Impulse für diese Pläne wurden auf einer Summerschool „Koelhoffschen Chronik 1499 digital“ gesetzt, die vom 23. bis 26. September 2024 an der Universität zu Köln, der Abteilung Historische Bestände und Sammlungen der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, dem Historischen Archiv der Stadt Köln und dem Kölnischen Stadtmuseum stattfand und Studierende wie Lehrende der drei Universitäten Köln, München und Münster zusammenführte. Auf einem Schreibworkshop, für den wir auf die großzügige Einladung der Greven-Stiftung in deren Räumen zu Gast sein durften, entstanden erste Prototypen dieser flankierenden Texte.
Wir sind der Redaktion des „Mittelalter“-Blogs außerordentlich dankbar, dass sie die überarbeiteten Texte nun sukzessive veröffentlicht und hierfür eigens eine neue Kategorie eingerichtet hat. An dieser Stelle werden die Texte dauerhaft in der Fassung abrufbar sein, in der sie von den jeweiligen Autor*innen verfasst und autorisiert wurden. Sobald unsere Projekthomepage öffentlich ist, werden die Texte – wie oben beschrieben – auch dort eingestellt; auf unserer eigenen Homepage sollen sie allerdings als „living texts“ verstanden werden, die kontinuierlich auf dem entsprechenden Forschungsstand korrigiert und erweitert werden können.
Mit den bislang vorliegenden Texten kann freilich nur ein kleiner Teil der angestrebten Erschließung der Koelhoffschen Chronik realisiert werden. Um das ambitionierte Vorhaben weiterzuführen, sind sowohl zusätzliche Lehrveranstaltungen als auch eine Erweiterung unseres Projektteams – idealerweise in anderen Fächern und an anderen Universitäten – erforderlich. Ein wichtiger Meilenstein in diesem Zusammenhang ist die seit dem vergangenen Jahr bestehende Mitarbeit von Klaus Kipf, Germanist an der RWTH Aachen, der das Projekt im Rahmen des durch die Förderlinie „Exploratory Teaching Spaces“ bewilligten Projekts „Digital edieren mit Studierenden“ künftig auch finanziell unterstützen wird.
Insgesamt ist festzuhalten, dass neben den wissenschaftlichen Zielen die didaktische Dimension des Projekts besondere Beachtung verdient. Über den wissenschaftlichen Ertrag zur Koelhoffschen Chronik hinaus liegt sein Mehrwert vor allem darin, Studierende praxisnah in das Handwerkszeug der historischen Grundwissenschaften einzuführen, sie an die Arbeit mit Tools aus den Digital Humanities heranzuführen, ihnen die Scheu im Umgang mit Originalen aus dem Mittelalter zu nehmen – und sie damit im besten Fall zu eigenen Archivarbeiten etwa in ihren Abschlussarbeiten zu ermutigen.
Mit diesen vielfältigen Zielsetzungen stellt das Projekt zweifelsohne auch für die beteiligten Dozierenden eine nicht alltägliche Herausforderung dar. Als äußerst bereichernd haben wir dabei die intensive Kooperation im Team erlebt, dies kommt auch in der Reihe von Reflexionen zu den Lehrveranstaltungen zum Ausdruck, die schon v.a. in Blog-Beiträgen und Miszellen publiziert werden konnten. Doch auch von den Studierenden verlangt das Projekt ein außergewöhnliches Maß an Eigeninitiative und Engagement – und umso erfreulicher ist es, dass dieser Einsatz nun durch die Veröffentlichung der ersten studentischen Beiträge in der neuen Publikationsreihe sichtbar anerkannt und gewürdigt wird!
Literatur:
Eine ausführliche Dokumentation der am Projekt beteiligten Personen, Lehrveranstaltungen, Workshops sowie Publikationen – nicht zuletzt zu den hochschuldidaktischen Blogbeiträgen und Miszellen – ist zu finden unter URL: https://www.uni-muenster.de/Geschichte/histsem/LG-G/Forschen/koelhoffschechronik.html.
Für hochschuldidaktische Reflexionen aus dem Projekt vgl.
Paul Schweitzer-Martin, Hochschuldidaktische Perspektiven auf die digitale Erschließung von Inkunabeln am Beispiel von Johann Koelhoffs Kölnischer Chronik (GW 6688), in: Medium Buch. Wolfenbütteler interdisziplinäre Forschungen 5 (2023), S. 129–142.
Julia Bruch, Mit Studierenden edieren. Editionen als Chance für die Lehre, in: DigiTRiP Blog 2022, URL: https://digitrip.hypotheses.org/1278.
Carla Meyer-Schlenkrich und Paul Schweitzer-Martin, Koelhoffsche Chronik 1499 digital. Ein Lehr- und Forschungsprojekt an den Universitäten Köln, München und Münster, in: digiTRip. Digital Teaching & Research in Practice, veröffentlicht am 19.09.2023, URL: https://digitrip.hypotheses.org/2001.
Alle angegebenen Links wurden am 25. Juni 2026 geprüft.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Julia Bruch, Björn Gebert und Paul Schweitzer-Martin.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Carla Meyer-Schlenkrich (6. Juli 2026). Koelhoffsche Chronik 1499. Mittelalter. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16ilr




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