Konzept, Bericht und Thesen zur Tagung „Archäologie der Handschrift. Erschließung, Präsentation und Forschung im digitalen Raum“
Universität Freiburg, 9.-11. Oktober 2023, Freiburg im Breisgau
Die Freiburger Tagung war ein programmatisches Experiment mit klarer wissenschaftsstrategischer Zielsetzung: Es ging nicht um die Vorstellung und Diskussion einzelner Projekte, Forschungsergebnisse oder infrastruktureller Aktivitäten. Das Ziel war es, die verschiedenen Communities, die sich forschend und erschließend im digitalen Zeitalter dem europäischen Handschriftenerbe der Vormoderne widmen, erstmals konzeptionell zusammenzuführen und miteinander in Austausch zu bringen, um künftig gemeinsam koordiniert zusammenzuarbeiten. Ein solcher Versuch wurde bislang nicht unternommen: Fachwissenschaftliche Forschungen an Universitäten und Akademien einerseits, das erschließende und digitalisierende Engagement der Gedächtnisinstitutionen andererseits, beides sind Kommunikations- und Handlungsräume, die nicht strategisch aufeinander bezogen und miteinander verschaltet sind. Die Herausforderungen durch den technischen Wandel, nicht nur der Digitalität und der künstlichen Intelligenz, sondern auch im Bereich der Materialwissenschaften betreffen beide Sphären, und erfordern koordiniertes Handeln. Der Ansatz der Tagung war daher ein wissenschaftsprogrammatischer und wissenschaftspolitischer. Von ihr soll ein innovativer und disruptiver Impuls zur besseren gegenseitigen Wahrnehmung von Forschung und Gedächtnisinstitutionen, zu struktureller Vernetzung und Abstimmung und zur Entwicklung gemeinsamer Zukunftsperspektiven ausgehen. Die Tagung war daher programmatisch institutionenübergreifend und transdisziplinär ausgerichtet.
Das Konzept der Tagung wurde zusammen mit einem Programmausschuss[1] entwickelt und mit den deutschen Handschriftenzentren, deren Beirat und den Vertreter:innen der Handschriftenportale aus Österreich und der Schweiz[2] abgestimmt.
Im Folgenden dokumentieren wir (I.) das zugrundeliegende innovative Konzept. Darauf folgend (II.) informiert ein kurzer Bericht über die konkrete Ausgestaltung und Durchführung der Tagung, abschließend werden (III.) die zentralen Ergebnisse, die in den Podien und Diskussionen erarbeitet wurden, thesenartig zusammengefasst.
I. Konzept
Die handgeschriebene Überlieferung (Bücher, Rotuli, Karten etc.) aus Spätantike, Mittelalter und Früher Neuzeit bis weit über die Erfindung des Buchdrucks hinaus bietet nicht nur unikale Kulturobjekte, sondern sie ist wesentliche Grundlage historisch arbeitender Forschung. Sie bezeugt als solche in einmaliger Weise historische Stationen intellektueller, politischer, literarischer, ökonomischer und sozialer Auseinandersetzungen und Interessen. Handgeschriebene Artefakte sind komplexe Gebilde, deren je spezifische Materialität ebenso Informationen transportiert wie die jeweils aufgezeichneten Text- und Bildinhalte; sie sind unverzichtbare Quellen und Manifestationen konkreter historischer Diskurse. Buchhandschriften sind ebenso wie archivalische Schriftstücke das Fundament eines breiten Spektrums historisch ausgerichteter Disziplinen und zentrale Ausgangsbasis und Referenzpunkte wissenschaftlichen Arbeitens: von den Philologien über Theologie, Rechtswissenschaft, Kunst-, Musik-, Philosophie-, Medizin- und Astronomiegeschichte bis zu den Grundwissenschaften (Paläographie. Kodikologie, Diplomatik etc.) und der Geschichtswissenschaft.
Nicht nur die Zugänglichkeit der Ressource ‚Handschrift‘, die weiterhin essentielle Bedeutung hat, sondern auch die Verfügbarkeit der in ihnen überlieferten Inhalte ist von kardinaler Bedeutung für jede Forschung zur Vormoderne. Heute stehen wir an einem wissenschaftshistorischen Wendepunkt: Handwritten Textrecognition (HTR), digitale Editorik, Digital Humanties und KI-Anwendungen revolutionieren die Präsentation, Erschließung und Erforschung nicht nur der Handschriften selbst, sondern ermöglichen perspektivisch den Zugriff auf ein Wissensarchiv, dessen systematische Aufarbeitung bisher in weiten Teilen nicht möglich war. Wir erreichen damit gegenwärtig eine dritte Ebene, die alle vorausgegangenen Erschließungsinitiativen in den Schatten stellen kann.
Auf die herausragende Bedeutung der Handschriftenüberlieferung für alle historisch arbeitenden Disziplinen reagierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bereits in den 1960er Jahren mit der Einrichtung eines Förderprogramms zur wissenschaftlichen Erschließung. Seit 2018 läutete der Beginn der DFG-geförderten systematischen Digitalisierung der Handschriften eine neue Epoche ein. Unikale Kulturobjekte wurden nun systematisch für die Nutzung ortsunabhängig gemeinfrei verfügbar gemacht. Mit sechs Handschriftenzentren wurde seit den 1970er Jahren ebenfalls auf Initiative der DFG begleitend eine bibliotheksgestützte Infrastruktur geschaffen, die eine Konzentration von Erschließungs- und später Digitalisierungsvorhaben an spezialisierten Kompetenzeinrichtungen und damit ein hohes Qualitätslevel nach einheitlichen Standards gewährleistet, wozu auch die frühe Entwicklung eines zentralen digitalen Nachweissystems für das deutsche Handschriftenerbe gehörte (Manuscripta Mediaevalia, Nachfolger: Handschriftenportal). Als Ergebnis der langjährigen, kontinuierlichen Förderung gilt der in Deutschland erreichte Stand in Hinblick auf Umfang und Tiefe der Erschließung, Standardbildung, Digitalisierungsgrad und Onlinepräsentation international als vorbildlich.
Auch auf Seiten der historischen Disziplinen führten die Erschließungsanstrengungen zu einem Paradigmenwechsel. Mit der sog. ‚Überlieferungsgeschichtlichen Methode‘, der Material Philology und dem Material Turn wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder neue methodische Ansätze und Theorien entwickelt, um den spezifischen Wert der Handschriftenüberlieferung in den Blick zu nehmen. Der Heidelberger SFB ‚Materiale Textkulturen‘, die Akademieprojekte ‚Handschriftencensus‘ und ‚Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters (KdiH)‘ sowie die Neugründung des ‚Zentrums für Handschriftenforschung‘ an der Universität Freiburg i. Ue. sind einige Beispiele für die Aktualität und Bedeutung der auf Handschriften ausgerichteten Forschung.
Jetzt ist der Zeitpunkt nicht nur einer Standortbestimmung gekommen, sondern einer gemeinsamen Strategieentwicklung mit Blick auf die Aktivitäten der Gedächtnisinstitutionen und jene der wissenschaftlichen Akteure, denn so lebendig und ausgeprägt die Beschäftigung mit dem Handschriftenerbe traditionell war und aktuell weiterhin ist, bleibt gleichzeitig festzustellen, dass handschriftenbezogene Projekte – seien sie analog oder digital – vielfach schwach vernetzt sind und parallel nebeneinander verlaufen. Austausch und Kommunikation über die institutionellen Grenzen hinweg und gegenseitige Verzahnung sind eher die Ausnahme als die Regel. Beide Seiten haben keine validen und lebendigen Strukturen entwickelt, um die laufenden Fortschritte gegenseitig wahrzunehmen und miteinander zu vernetzen.
Mit dem Voranschreiten der digitalen Transformation wird die Notwendigkeit, diese strukturell getrennten Sphären zu verkoppeln und einen gemeinsamen Diskurs zu stiften, immer virulenter: Auf beiden Seiten entstehen Onlineangebote, die auf die jeweiligen Nutzungsbedürfnisse abgestimmt werden müssen; Standardisierung im Bereich von Norm- und Metadaten ist entscheidend für die Interoperabilität von Angeboten, was eine Kernaufgabe im Zuge der Entwicklung der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) ist; neue technische Entwicklungen (Handwritten Textrecognition, DH-Verfahren, natur- und materialwissenschaftliche Methoden) eröffnen Möglichkeiten, für die Nutzungsszenarien und Fragen der digitalen Verwaltung, Präsentation und Metadatenstandards zu klären sind. Hierdurch wachsen die Sphäre der Wissenschaft und die der Infrastrukturinstitutionen zusammen; es entwickeln sich immer mehr Berührungspunkte. Die von der Digitalisierung getriebene Entwicklung verändert gleichzeitig die Bedingungen für Nachwuchsgewinnung und -qualifizierung dramatisch: Die Fülle der für die Forschung zunehmend einfach zugänglichen Quellenbestände war noch nie so groß, sie erfordert jedoch digital geschulte Nutzende mit den entsprechenden disziplinären Kompetenzen und Interessen sowie neue Qualifikationen (digitale Quellenkritik). Heute entscheidet sich, wie die digitalisierten Bestände fruchtbar gemacht werden können, wie Nutzungsszenarien nicht nur digitaler, sondern automatisch transkribierter historischer Textsammlungen aussehen werden, wie das Zusammenwirken von Wissenschaft und Gedächtnisinstitutionen künftig zu gestalten ist und wie künftige Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausgebildet und trainiert sein müssen, um den Anforderungen im Spagat zwischen fachlicher und digitaler Kompetenz gerecht werden zu können: Wie reagieren wir einerseits auf das ‚Verschwimmen‘ disziplinärer Grenzen im digitalen Raum? Wie verbinden wir andererseits die Arbeit im digitalen Raum, der sich kontinuierlich erweitert und ausdifferenziert, adäquat mit der Arbeit an den Objekten, die nicht nur im Kontext neuer materialitätsbezogener Fragestellungen essentiell bleibt?
Ausrichtung, Format und Inhalte der Tagung
In dieser dynamischen Schwellensituation sollte mit der Freiburger Tagung ‚Archäologie der Handschrift – Erschließung, Präsentation und Forschung im digitalen Raum‘ zum ersten Mal die handschriftenbezogene Arbeit der universitär-akademischen Forschung und jene der Gedächtnisinstitutionen gemeinsam in den Blick genommen und ein intensiver Austausch zwischen beiden Bereichen initiiert werden. Die Tagung wurde daher gemeinschaftlich von universitärer Seite (Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer zusammen mit einem Programmausschuss aus hochrangigen Forscher:innen) und den deutschen Handschriftenzentren (Dr. Christoph Mackert zusammen mit den anderen Handschriftenzentren sowie assoziierten Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz) vorbereitet und organisiert; auch dies ein Novum. Bei den Gedächtnisinstitutionen wurde der Archivbereich mit einbezogen, nicht nur weil in Archiven eine große Menge an Buchhandschriften bewahrt wird, sondern auch weil die Archive mit vergleichbaren Fragen und Zukunftsaufgaben wie die Bibliotheken konfrontiert sind. Die konkrete Durchführung erfolgte an der Universität Freiburg i. Br., wobei vor Ort eine Kooperation mit der Universitätsbibliothek Freiburg bestand.
Auf Bibliotheksseite konnte die Tagung an das traditionelle Format der Handschriftenbearbeitungstagungen anschließen, die seit den 1970er Jahren alle zwei bis drei Jahre stattfinden und der Abstimmung von Verfahren und neuen Entwicklungen im Bereich der Handschriftenerschließung dienen. Das Publikum dieser bibliothekarischen Handschriftentreffen (regelmäßig ca. 100 Personen: Personal der Handschriftenzentren und von Altbestandsbibliotheken primär des deutschsprachigen Raums) wurde auch für die Freiburger Tagung erwartet und ist dort mit Vertreter:innen der handschriftenbezogenen Forschung an Universitäten und Akademien sowie mit Kolleg:innen aus den Archiven zusammengetroffen. Ebenfalls teilgenommen hat der ‚Erweiterte wissenschaftliche Beirat der Handschriftenzentren‘, der aus 13 internationalen Handschriftenforscher:innen und Vertreter:innen wichtiger Infrastrukturangebote besteht (siehe Anm. 2).
Um sowohl die nötige Vielstimmigkeit und als auch eine ausreichende Vertiefung zu gewährleisten, konzentrierte sich die Tagung auf fünf zentrale Themen, die in vier Sektionen zu zweimal drei Stunden und in einer letzten Sektion diskutiert wurden:
1. Portale und ihre Nutzung
1.1 Portale der Gedächtnisinstitutionen
1.2 Fachwissenschaftliche Portale
2. Interinstitutionelle und interdisziplinäre Standardentwicklung
2.1 Handschriftenkatalogisierung und archivische Standardentwicklung
2.2 Interoperabilität
3. OCR, Handschriften und KI
3.1 Technische Lösungen und Initiativen
3.2 Anwendungen
4. Natur- und materialwissenschaftliche Methoden in der Handschriftenforschung
4.1 Verfahren
4.2 Fallstudien
5. Nachwuchs: Ausbildung und Forschung
II. Tagungsbericht
An der Tagung, die mit Förderung der ‚Fritz Thyssen Stiftung‘, der ‚Stiftung Humanismus heute‘, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Universitätsbibliothek Leipzig durchgeführt werden konnte, nahmen 185 Personen aus Universitäten, Akademien und Gedächtnisinstitutionen teil. 67 von ihnen waren auf einem der verschiedenen Diskussionspodien als Impulsgeber:innen vertreten.
Programm der Tagung
Um für ein gemeinsames Gespräch einen adäquaten organisatorischen Rahmen zu schaffen, wurde in den Sektionen 1.1 bis 2.2 und 3.2 der klassische Vortrag durch 10-15 minütige Impulsreferate ersetzt, an die sich ein Podium anschloss, das grundsätzlich paritätisch mit Vertreter:innen aus Wissenschaft und Gedächtnisinstitutionen besetzt war. Kurz-Vorträge und Plenardiskussion folgten in den Sektionen 2.2, 3.1 und 4, denn hier ging es nicht um die Vorstellung bestehender Portale und damit verbundener Herausforderungen, sondern um die Präsentation von HTR-Initiativen und naturwissenschaftlichen Methoden.
Abgerundet wurde das Programm durch drei Podiumsdiskussionen zu den Themen ‚Veränderte Nutzungszenarien in der digitalen Welt‘, ‚Nachwuchs gewinnen, ausbilden, qualifizieren‘ und ‚Was tun? Zukunftsperspektiven‘.
Montag, 09.10.23
Zum Auftakt der Tagung gab es seitens der Veranstalter eine programmatische Einführung, die der Prorektor für Studium und Lehre der Universität Freiburg, Prof. Dr. Michael Schwarze, mit standortbezogenen Aussagen abrundete.
Sektion 1
Die Tagung begann mit Impulsvorträgen zu zentralen handschriftenbezogenen Portalen, die von den Gedächtnisinstitutionen einerseits und der Fachwissenschaft andererseits entwickelt wurden:
Prof. Dr. Jeffrey Hamburger (Harvard): Portale, aber wohin?
Prof. Dr. Michael Stolz (Bern): ‚Gossembrot digital‘ – vernetzte Nutzung von Handschriftendaten (zusammen mit Dr. Ioanna Georgiou und Dominique Steinbach)
Prof. Dr. Stefan Morent (Tübingen): Digitale Erschließung liturgischer Musikfragmente des Mittelalters aus württembergischen Archiven
Dr. Nicola Zotz (München): Text und Bild in mittelalterlichen Handschriften: die KdiH-Datenbank.
Prof. Dr. Jürgen Wolf (Marburg): Das Akademieprojekt ‚handschriftencensus.de’
Prof. Dr. Andreas Ranft / Dr. Christian Speer (Halle): ‚Index Librorum Civitatum‘. Einsichten, Probleme, Herausforderungen und Perspektiven
Auf den Podien diskutierten Vertreter:innen von infrastrukturellen Portalen und Fachportalen mit den Referent:innen und dem Plenum über Nutzbarkeit, Bedarfe, Interoperabilität, Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven der Portale. Wesentliche Anregung gab dazu der initiale Impulsvortrag von Jeffrey Hamburger. Auf den Podien waren ausgewählte Projekte mit folgenden Personen vertreten:
Dr. Christoph Mackert (Handschriftenportal)
Dr. Regina Cermann (manuscripta.at)
Prof. Dr. Cornelia Herberichs / PD Dr. Bill Duba (e-codices / Fragmentarium)
Dr. Erwin Frauenknecht (Wasserzeicheninformationssystem – WZIS)
Dr. Denise Ruisinger (Archivportal-D)
Dr. Balázs J. Nemes / Dr. Gilbert Fournier (Making Mysticism)
Prof. Dr. Rudolf Weigand / Dr. Regina D. Schiewer (Predigt im Kontext)
Dr. Diana Müller (Corvey digital)
Dr. Roman Deutinger (Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters)
Der erste Tag endete mit einer Podiumsdiskussion zu ‚Veränderten Nutzungsszenarien in der digitalen Welt‘. Das Podium war besetzt mit:
Prof. Dr. Eva Schlotheuber (Düsseldorf), Professur für Mittelalterliche Geschichte, 2016-2021 Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V.
Prof. Dr. Gerald Maier (Stuttgart), Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg
Prof. Robert Zepf (Hamburg), Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Dr. Anna Dorofeeva (Göttingen), Institut für Digital Humanities; Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Handschriftenzentren
Die Nutzungsszenarien wurden unter 7 Gesichtspunkten erörtert:
- Was bedeutet der Digital Turn für den Ort der Bewahrung vormodernen Schriftguts: Bibliothek und Archiv?
- Wie können Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Fach- und den infrastrukturellen Portalen zur vernetzten Nutzung entwickelt werden?
- Wie steht es mit der Standardisierung im Bereich der Norm- und Metadaten zur Erreichung von Interoperabilität?
- Welche Rollen und Lizenzen haben in diesem Prozess die geistes- und sozialwissenschaftlichen Projekte der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI)?
- Welche Rolle spielen die institutionellen Repertorien für die Nachnutzung von Daten?
- Wie stabil und wie sicher sind die neuen digitalen Infrastrukturen?
- Müssen wir einen grundwissenschaftlichen ‚Führerschein‘ in die unversitären Curricula einbetten, um auf die Arbeit mit Originalen vorzubereiten?
Dienstag, 10.10.2023
Sektion 2
Die zweite Sektion widmete sich dem großen Komplex von Standardbildung und Interoperabilität. Im ersten Teil wurde die Frage der Standardentwicklung am konkreten Beispiel der DFG-Richtlinien zur Handschriftenkatalogisierung durchgespielt. Außerdem wurden Erschließungsstandards zu archivalischer Handschriftenüberlieferung vorgestellt. Exemplarisch wurde von Seiten der Kunstgeschichte der Bedarf an standardisierten Informationen diskutiert.
Im zweiten Teil der Sektion wurden unter systemisch-infrastrukturellen Gesichtspunkten Fragen der Normdatenintegration und Metadatenstandards in Hinblick auf die erforderliche Interoperabilität von digitalen Angeboten vorgestellt und diskutiert. Wichtige Gesprächspartner waren NFDI-Initiativen, die sich auf handgeschriebenes Material beziehen, die Gemeinsame Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek sowie zentrale Anwendungsplayer auf der technischen (FIZ Karlsruhe, Knowledge Graph des Handschriftenportals) wie der inhaltlichen Ebene (Handschriftenzentren, Altbestandsbibliotheken, Musikwissenschaft).
Folgende Impulsvorträge bestimmten die Diskussion auf den Podien und mit dem Plenum:
Dr. Carolin Schreiber (Berlin): Die Aktualisierung der DFG-Richtlinien zur Handschriftenkatalogisierung
Dr. Henning Steinführer (Braunschweig): Archivische Erschließungsstandards und die Buchhandschriftenüberlieferung
Dr. Maria Theisen (Wien): Dringend gesucht: Information zum Buchschmuck!
Prof. Dr. Andrea Rapp (Darmstadt): NFDI text+. Text- und sprachbasierte Forschungsdaten
Gregor Horstkemper (München): Von Kamelherden und Nadelöhren: Heterogenität als Interoperabilitätshürde (NFDI4Memory)
Dr. Robert Giel (Berlin): Zwischen Forschungsdaten und GND: Normdatennutzung im Handschriftenportal
Auf den Podien diskutierten Vertreter:innen mit den Referent:innen und dem Plenum Standardisierung, Interoperabilität und Verbindlichkeit der Nationalen Dateninfrastruktur.
Auf den Podien waren folgende Akteur:innen vertreten:
Dr. Ursula Stampfer (Handschriftenzentrum BSB München)
Prof. Dr. Konstantin Voigt (Musikwissenschaft Freiburg)
Dr. Monika Studer (UB Basel Historische Sammlungen)
Felix Bach (FIZ Karlsruhe)
Chantal Köppl (Deutsche Nationalbibliothek)
Sektion 3
In der dritten Sektion wurde ein Überblick über die verschiedenen laufenden Initiativen und Verfahren im Bereich HTR (Handwritten Textrecognition) gegeben. Ein besonderer Wert dieser Sektion bestand darin, dass in ihrem ersten Teil die verschiedenen HTR-Angebote erstmals zusammen präsentiert wurden und auf diese Weise Vergleichsmöglichkeiten entstanden. Der zweite Teil diente der Vorstellung ausgewählter Anwendungsfälle unter Rückgriff auf KI-gestützte Anwendungen und DH-Verfahren.
Folgende Impulsvorträge bestimmten die Diskussion auf dem Podium und mit dem Plenum:
Dr. Benjamin Kiessling (Paris): eScripta: A New Digital Platform for the Study of Historical Texts and Writing
Dr. Stefan Tomasek (Würzburg): OCR4all: Gemischte und spezifische HTR-Modelle zur Erschließung mittelhochdeutscher Handschriften
Prof. Dr. Achim Rabus (Freiburg): MultiHTR – Multilinguale Handschriftenerkennung
Kristina Stöbener / Dorothea Huff (Tübingen): OCR-BW
Dr. Martin Haltrich (Klosterneuburg): Anwendung von active machine learning zur Händescheidung in Handschriften des 12. Jahrhunderts aus Klosterneuburg
Prof. Dr. Gabriel Viehhauser (Stuttgart): Vom Nutzen der Ungenauigkeit. Zu den Potentialen des Hinwegsehens für die digitale Textanalyse in der Mediävistik
Dr. Jakub Simek (Heidelberg): Integration von Text- und Forschungsdaten in neuen und nachhaltigen Publikationsformaten
Auf den Podium diskutierten Vertreter:innen mit den Referent:innen und dem Plenum Entwicklungsstand und Leistungsfähigkeit der vorgestellten HTR-Anwendungen sowie Aufwand und Nutzen KI-gestützter Analysetools.
Auf dem Podium waren folgende Akteur:innen vertreten
Dr. Michael Schonhardt (Burchards Dekret Digital)
Prof. Dr. Freimut Löser (Österreichischer Bibelübersetzer)
Torsten Schaßan (TEI Special interest group manuscripts, Wolfenbüttel)
Prof. Dr. Racha Kirakosian / Jonas Hermann (Exploring Medieval Mary Magdalene)
Mittwoch, 11.10.2023
Sektion 4
In den letzten Jahren haben natur- und materialwissenschaftliche Verfahren für die Untersuchung von Handschriften zunehmend an Bedeutung gewonnen. Eine sich ausdifferenzierende Entwicklung, Erprobung und Professionalisierung von Anwendungsmöglichkeiten hat dazu geführt, dass diese Methoden ihr früheres Nischendasein hinter sich gelassen haben und eine vollkommen neue Dimension der Materialität der Handschriften erschließen. Ziel des Programmbausteins war es, die Wahrnehmung dieser neuen Methoden und Verfahren auf Seiten der geisteswissenschaftlichen Handschriftenforschung zu schärfen und so ihre Integration in laufende Arbeiten zu befördern. Die Sektion diente daher in erster Linie dazu, exemplarisch wichtige Methoden vorzustellen, ihre Anwendungspotentiale und -grenzen aufzuzeigen und zu diskutieren sowie für die Frage nach der langfristigen infrastrukturellen Bereitstellung der Ergebnisse zu sensibilisieren. Präsentiert wurden Verfahren und Fallstudien aus den Bereichen Mikrobiologie, DNA-Analyse, Multispektralphotographie, Materialuntersuchung (insbes. Pergament), Archäometrie und Spektrometrie.
Folgende Impulsvorträge bestimmten die Diskussion mit dem Plenum:
Prof. Dr. Matthew Collins (Cambridge): Parchment Glutamine Index (PQI): a novel method to estimate glutamine deamidation levels in parchment collagen
Dr. José Maksimczuk / Dr. Olivier Bonnerot (Hamburg): Ink analysis with the combination of UV-vis-NIR reflectography and XRFDr
Dr. Damianos Kasotakis (Rolling Hills Estates, California): Potentiale der Multispektralphotographie
Dr. Cecilia G. Flocco (Braunschweig): Mikroben als Sonden der Buchbiografie
Prof. Dr. Tintner-Olifiers (Wien): Spektroskopisch basierte Datierungstools für Leder, Papier und Pergament auf Basis der molekularen Degradation
Dr. Katharina Kaska (Wien): Naturwissenschaftliche Methoden in der Kodikologie
Die Diskussion konzentrierte sich auf Fragen der bibliothekarischen und archivalischen Infrastruktur, die Voraussetzung ist, um entsprechende Untersuchungen zu ermöglichen. Im Zentrum der Gespräche standen außerdem Möglichkeiten der Speicherung und Bereitstellung der gewonnenen Forschungsdaten sowie die Kosten-Nutzen-Relation, denn in aller Regel sind die naturwissenschaftlichen Verfahren nur mit hohem finanziellem und/oder zeitlichem Aufwand realisierbar.
Sektion 5
Universitäre Forschung und Gedächtnisinstitutionen stehen gemeinsam vor der Herausforderung, Nachwuchs zu gewinnen und auszubilden, der die eminent wichtigen Quellenbestände der Handschriftenüberlieferung mit den neuen Methoden und Instrumenten nach dem Digital Turn nutzen und zum Sprechen bringen kann. Hier sind traditionelle grundwissenschaftliche Kompetenzen in Verbindung mit Expertise in digitaler Quellenkritik und aktiver Anwendung von computergestützten Forschungsmethoden gefordert. Angemessene Ausbildungsformate fehlen zumeist an den Universitäten.
Die Sektion zielte darauf ab, die Situation vor allem aus der Perspektive der jungen Wissenschaftler:innen zu verstehen und diese Gruppe zu Wort kommen zu lassen. Dank der Unterstützung durch die Stiftung ‚Humanismus heute‘ konnte die Teilnahme ausgeschrieben und acht Doktorierende und Postdoktorierende eingeladen werden, die auch die Inhalte ihrer Forschungen tagungsbegleitend in Posterpräsentationen vorstellen konnten.
Auf dem Podium wurden auf Grundlage je individueller Erfahrungen konkrete Vorschläge für eine abgestimmte, strukturelle Kooperation von Universitäten, Forschungs- und Gedächtnisinstitutionen zur Aus- und Fortbildung einschlägig qualifizierten Nachwuchses entwickelt.
Die Moderation übernahmen Prof. Dr. Martina Backes (Freiburg) und Prof. Dr. Peter Rückert (Stuttgart).
Teilnehmende waren:
Michael Braunger (Liturgische Musikfragmente aus württembergischen Archivbeständen; Tübingen)
Anaїs Sophie George (Ritterliche Beschützer von Stand. Ritterheilige als Schutzpatrone in den norddeutschen Frauenklöstern Ebstorf, Medingen und Wienhausen; Halle a. d. Saale)
Carolin Gluchowski (Revising Private Prayerbooks. The Latin/Low-German Prayerbooks from the Cistercian Convent of Medingen in the Context of Late-Medieval Church Reforms; Oxford)
Dr. Marco Heiles (Mhd. Begriffsdatenbank-Textreihentypologie; Hamburg)
Agnes Rugel (Die Wächterstimme im geistlichen Lied des Hohenfurter Liederbuchs; München)
Felix Schulze (Die medizinischen Handschriften der Zisterzienserabtei Altzelle; Zürich)
Julia Seibicke (Schreiben in der Lauberwerkstatt; Leipzig)
Dr. Linus Ubl (MMMMO – Mechthild’s Medieval Mystical Manuscripts Online; Jerusalem)
Abschlusspodium
Zum Abschluss der Tagung fand eine Podiumsdiskussion zum Thema ‚Was tun? Zukunftsperspektiven‘ statt. Themen waren:
- Entgrenzung und Handhabung der entstehenden Datenmengen
- Abstimmungsbedarf der beteiligten Akteure
- Rolle der Politik und der Förderinstitutionen (Finanzierung)
- Nutzungsperspektiven
- Institutionenübergreifende Kooperationen
- Ausbildung von Strukturen
- Entwicklung übergreifender Standards
- Nachwuchsgewinnung
- Ausbildung
- Verankerung in den Curricula
- Berufsperspektiven
- Aufgabenverteilung zwischen Gedächtnisinstitutionen (insbes. Forschungsbibliotheken), Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Akademien)
- Supranationale Strukturen und Standards.
Die Diskussion wurde geführt von:
Ulrike Hintze (DFG)
Prof. Dr. Freimut Löser (Universität Augsburg)
Dr. Christoph Mackert (UB Leipzig)
Prof. Dr. Cornelia Herberichs (Université de Fribourg)
Dr. Antje Kellersohn (UB Freiburg)
Tagungsbegleitend organisierte die Universitätsbibliothek eine ‚Lange Nacht der Handschriften‘, die virtuell auf ddb online zur Verfügung steht: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/freiburger-handschriften/#s0.
Ein Mitschnitt der Tagung ist auf der Homepage (https://archaeologie-der-handschrift.de/) veröffentlicht.
III. Ergebnisse
Als erstes großes Forum des Austauschs zwischen sowohl geisteswissenschaftlicher als auch material- und naturwissenschaftlicher Forschung einerseits und den Gedächtnisinstitutionen andererseits hat die Tagung insbesondere Problem- und Handlungsfelder im digitalen und KI-geprägten Zeitalter aufgezeigt, die eine bessere gegenseitige Wahrnehmung und gemeinsame Interaktion der beteiligten Akteure betreffen. Die Tagung war nicht der Ort, um Lösungen zu erarbeiten, sondern Perspektiven künftiger abgestimmter Zusammenarbeit zu entwickeln.
Einen roten Faden bildete während der Tagung das Anliegen, Ergebnisse des Austausches auf konzise Weise zu bündeln, um mit der Veranstaltung einen größeren Wirkungsgrad zu erzielen. Es galt, den erreichten Stand der Diskussion zur Weiterarbeit aufzubereiten. Damit auf die Anregungen und Impulse nachhaltig zurückgegriffen werden kann, haben die beiden Initiatoren der Tagung, Hans-Jochen Schiewer (Freiburg i. Br.) und Christoph Mackert (Leipzig), anhand der Protokolle und Mitschnitte die folgenden sogenannten ‚Freiburger Thesen‘ erarbeitet, die Kernanliegen aus den Diskussionen der Tagung widerspiegeln.
Freiburger Thesen
- Zusammen strategisch handeln.
Eine gemeinsame Strategieentwicklung von Archiven, Bibliotheken und (universitärer) Wissenschaft bei der digitalen Bewahrung, Erschließung und Erforschung der vormodernen Schriftlichkeit ist das Gebot der Stunde und muss die zukünftige Arbeit und das Förderhandeln prägen, und zwar mit dem Ziel einer Communitybildung, in der die Schnittmengen, gemeinsame Themen und die gegenseitige Expertise zusammengeführt und vorhandene Standards weiterentwickelt und verpflichtend gemacht werden.
- Überinstitutionelle Zusammenarbeit organisieren.
Die digitale Bewahrung, Erschließung und Erforschung der vormodernen Schriftlichkeit und ihrer Materialität bedürfen eines koordinierten Zusammenwirkens aller beteiligten Institutionen. Angesichts der Fülle des Materials und der begrenzten Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen sollte sich die künftige forschende Erschließungsarbeit insgesamt am Modell der deutschen Handschriftenzentren orientieren. Die Zentren bieten für ihren wissenschaftlichen Sektor koordinierte Serviceangebote für die Erschließung und digitale Bereitstellung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriftenbestände in den deutschen Sammlungen und sind zugleich Kompetenzzentren, die ausbilden, fortbilden und überregional Erschließungsarbeit und Standardisierung übernehmen. Die Handschriftenzentren stimmen ihre Arbeit zweimal jährlich ab und stehen in engem Kontakt zu den anderen einschlägigen Erschließungs- und Digitalisierungszentren im DACH-Raum.[3] Dieses Modell kann Vorbildcharakter für die Erforschung vormoderner Schriftlichkeit und deren Erschließung an Universitäten, Akademien und in Archiven haben: Es geht um Abstimmung der Aktivitäten, Nutzung gemeinsamer nachhaltiger Infrastrukturen und fachlichen Austausch. Gerade im Bereich der Archive fehlt es an einer länderübergreifenden Abstimmung, auch und gerade hinsichtlich der digitalen Rahmenbedingungen und Lösungen. Ein vielversprechender Ausgangspunkt für die überregionale Ausrichtung ist das ‚Archivportal D‘. Die digitalen Angebote aus Forschungsprojekten wiederum sind häufig immer noch Insellösungen, die sich nicht in bestehende nachhaltige Infrastrukturen einbetten, so dass die dauerhafte Verfügbarkeit und die interoperable Nutzung der dort bereitgestellten Daten oftmals nicht gewährleistet ist.
Wünschenswert wäre, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen der Abteilung III ‚Programm- und Infrastrukturförderung‘ mit dem Förderbereich ‚Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme‘ diese Koordinations- und Systematisierungsleistung anstoßen und die entsprechende Strukturbildung finanzieren könnte. Dringend zu klären ist in diesem Zusammenhang die Rolle der im Rahmen der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur begründeten Projekte im Bereich der text- und objektbasierten Geisteswissenschaften (NFDI text+, NFDI4Memory, NFDI4Objects): Dies betrifft die Rolle der NFDI-Konsortien beim nachhaltigen Hosting ebenso wie ihre Standardisierungskompetenz und die künftige Verbindlichkeit der entwickelten Standards. Nachhaltiges Hosting muss garantiert sein; professionelle Rahmenbedingungen müssen für digitale Projekte definiert und verbindlich werden, gerade auch für solche, die Bestände unterschiedlicher Medien und Institutionstypen betreffen. Beides zusammen ist Voraussetzung für zukünftige innovative Initiativen.
- Eine Struktur für Begegnung und Austausch schaffen.
Die Schaffung eines gemeinsamen Forums für kontinuierlichen Austausch und Vernetzung der Sphären von Forschung und Gedächtnisinstitutionen und für die Entwicklung wissenschaftspolitischer Initiativen ist eine unverzichtbare Voraussetzung, um bei den einzelnen Aktivitäten der wissenschaftlichen Akteure größtmögliche Effizienz und Synergie zu erreichen und eine gemeinsame Abstimmung und Strategieentwicklung von Archiven, Bibliotheken und (universitärer) Forschung zu ermöglichen.
Als Organisatoren verstehen wir daher die Tagung zur ‚Archäologie der Handschrift‘ auch als Anstoß zu einem solchen Forum, das sich in regelmäßigem Abstand zur Abstimmung und zur Diskussion aktueller Entwicklungen trifft. Idealerweise sollte sich dieses Forum, das Gedächtnisinstitutionen und universitäre Forschung verbindet, als Verein organisieren, der als Interessenvertretung auftreten kann. Als role model können hier wissenschaftspolitische Initiativen in Vereinsform dienen wie zum Beispiel UniWiND (Universitätsverband zur Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses) in Deutschland zur Unterstützung und Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
- Kollaborative Formen der Erforschung und Erschließung sind die Zukunft.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass die in Forschung und Gedächtnisinstitutionen erarbeiteten Kenntnisse und Informationsangebote nur unzureichend wechselseitig wahrgenommen werden.[4] Dieser Mangel an gegenseitiger Wahrnehmung sollte nicht nur durch ein gemeinsames Forum überbrückt werden, sondern auch zunehmend durch Kooperationen zwischen Gedächtnisinstitutionen und (universitärer) Forschung. Dazu bedarf es auf beiden Seiten einer Neudefinition des Selbstverständnisses, denn die Forschungsseite muss sich künftig auch als Instanz für die Bereitstellung von infrastrukturell validen Daten definieren und die Seite der Gedächtnisinstitutionen Raum erhalten, um sich auch offiziell als forschende Institution zu verstehen und zu positionieren. Dies bedeutet beispielsweise, dass künftig drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte, in denen auch Erschließungs- und Bilddaten zur Materialität vormoderner Schriftlichkeit erarbeitet werden, von vornherein eng mit den vorhandenen Angeboten der Gedächtnisinstitutionen zu deren nachhaltiger Bereitstellung verzahnt werden. Neue Insellösungen für einzelne Projekte müssen der Vergangenheit angehören und systematisch überregionale und zentrale Nachweissysteme für die generierten Daten genutzt oder entwickelt werden. Diese Verzahnung darf sich nicht auf eine Absichtserklärung und ein konventionelles Unterstützungsschreiben beschränken, sondern muss evaluierbar und bewertbar im Antrag hinterlegt sein und zur Voraussetzung einer erfolgreichen Antragstellung werden. Förderinstitutionen sollten die Anforderungen an eine Antragstellung entsprechend ausrichten und ggf. durch neue Programme und Formate die Vernetzung von Archiven, Bibliotheken und Universitäten zu gemeinsamen Forschungsverbünden unterstützen.
- Disziplinäre und digitale Kompetenzen sowie Gedächtnisinstitutionen und Universitäten gehören in der Ausbildung zusammen.
Die Ausbildung in den fachwissenschaftlichen Grunddisziplinen und den Digital Humanities muss die Kompetenzen der Vertreter:innen aller beteiligten Institutionen systematisch zusammenführen. Angesichts fortgesetzter Kompetenzverluste im universitären Bereich müssen Freiräume und Strukturen geschaffen werden, damit die Ausbildung in den mediävistischen Fächern und den auf die Vormoderne ausgerichteten Grundwissenschaften auch Vertreter:innen der Gedächtnisinstitutionen systematisch in die Curricula einbinden kann. Voraussetzung dafür ist, dass man in den universitären Studiengängen auf Augenhöhe kooperiert und dass seitens der Gedächtnisinstitutionen die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden, damit ihre Vertreter:innen in die universitäre Ausbildung systematisch einbezogen werden können. Gerade diese Zusammenarbeit setzt wissenschaftspolitische Initiativen voraus, um die jeweiligen Träger der Institutionen von dem Mehrwert einer neuen Form der Zusammenarbeit zu überzeugen und administrative und finanzpolitische Hürden zu überwinden. CoTeaching-Angebote von Archiv, Bibliothek und Universität sollten selbstverständlich werden.
- Es sollte einen virtuellen Kompetenzverbund für Buch / Archivalie und Naturwissenschaft geben.
Die Tagung hat deutlich gemacht, dass die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden wesentlich zum Verständnis der Materialität mittelalterlicher Schriftlichkeit beitragen kann. Auch hier bedarf es aus Effizienz- und Kostengründen einer systematischen und koordinierten Entwicklung, die sich mit aktuellen Schwerpunktbildungen im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder verbinden ließe. Als Beispiel sei hier auf das Hamburger ‚Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)‘ und den dort angesiedelten Exzellenzcluster ‚Understanding Written Artefacts‘ verwiesen, bei dem die europäische Handschriftenüberlieferung allerdings noch nicht schwerpunktmäßig im Fokus steht.
- Standardisierung schafft Nachhaltigkeit.
Anders als in anderen Wissenschaftsbereichen wie zum Beispiel der Materialwissenschaft (NFDI-MatWerk) fehlt es an verbindlichen internationalen und communityübergreifenden Normierungen und Standards für die digitale und KI-basierte Erschließung, Bearbeitung und Erforschung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Schriftlichkeit, jenseits der technischen Standardisierungen im Bereich der Imagedigitalisierung und -prozessierung. Die DFG-Richtlinien Handschriftenkatalogisierung finden beispielweise primär nur im bibliothekarischen Kontext Anwendung. Die Diskussionen gerade mit den Vertreter:innen der Gemeinsamen Normdatei (GND) vom Standardisierungsausschuss der Deutschen Nationalbibliothek haben gezeigt, dass bibliothekarische und archivalische sowie fachwissenschaftliche Kompetenz noch nicht zu einem hinreichenden Miteinander geführt haben. Gerade für den Bereich gemeinsamer Norm- und Metadatenstandards müssten die Projekte im Rahmen der Entwicklung einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI text+, NFDI4Memory) eine führende und koordinierende Rolle übernehmen, die aktuell aber noch nicht konkret fassbar wird. Das Fehlen verbindlicher und communityübergreifender Standards führt zu erheblichen Problemen bei der Bewahrung, Pflege, Weiterverwendung und Langzeitarchivierung von Forschungsdaten.
- Jede Handschrift / Archivalie sollte eine zentrale ID haben.
Bibliotheken und Archive haben ihre je eigenen, gewachsenen, historischen Systematiken. Zugleich haben sich im fachwissenschaftlichen Diskurs unterschiedliche Siglen für die Träger vormoderner Schriftlichkeit entwickelt. Interoperabilität und gemeinsame fachliche Verständigung erfordern aber vereinheitlichte Referenzmöglichkeiten, um die beforschten Objekte eindeutig zu adressieren. Deshalb ist es notwendig, dass verbindliche Identifier für die einzelnen Schriftobjekte in Bibliotheken und Archiven eingeführt und in den verschiedenen Portalen und Forschungsumgebungen nachgenutzt werden. Mit der Entität des „Kulturobjekts“ ist im Handschriftenportal beispielsweise ein solches Normdatum mit einer ID geschaffen, das vorzugsweise über die GND allgemein verfügbar werden muss. International bestehen seit längerem Bestrebungen, eine übernationale ID für unikale Kulturobjekte zu etablieren (ISMI), die aber bislang noch nicht zu einem Ziel gelangt sind.
- Standards müssen international anschlussfähig und Normdaten sollten mehrsprachig verfügbar sein.
Angesichts der Entwicklung Nationaler Forschungsdateninfrastrukturen und ähnlicher Entwicklungen in anderen Ländern dürfen gerade supranationale Perspektiven nicht aus dem Blick geraten. Die Polyphonie der Geisteswissenschaften und die nationale Perspektive der Gedächtnisinstitutionen darf nicht verhindern, dass internationale Schnittstellen bzw. Interfaces entwickelt werden. Gerade das geforderte gemeinsame Forum zur vormodernen Schriftlichkeit zwischen Gedächtnisinstitutionen und Forschung wäre prädestiniert, international eine starke und führende Rolle zu übernehmen.
[Dieser Beitrag wurde ebenfalls in der Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 155 (2026), H.1, S. 103–118 veröffentlicht.]
[1] Dem Programmausschuss gehörten an: Prof. Dr. Carmen Cardelle de Hartmann (Zürich), Prof. Dr. Cornelia Herberichs (Fribourg), Dr. Christoph Mackert (Leipzig), Prof. Dr. Peter Rückert (Stuttgart), Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer (Freiburg i. Br.), Prof. Dr. Eva Schlotheuber (Düsseldorf), Dr. Carolin Schreiber (München), Prof. Dr. Jürgen Wolf (Marburg).
[2] Zu den Handschriftenzentren und ihrem Beirat s. https://www.handschriftenzentren.de/; assoziiert mit Gaststatus ist die UB Heidelberg. Aus Österreich und der Schweiz haben Vertreter:innen folgender Institutionen und Portale mitgewirkt: Österreichische Nationalbibliothek, Österreichische Akademie der Wissenschaften, manuscripta.at, Kuratorium „Katalogisierung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften der Schweiz“, e-codices, Fragmentarium.
[3] DACH = Deutschland, Österreich und Schweiz.
[4] Exemplarisch beleuchtet dies der Beitrag von Christoph Mackert: Handschriftenfragmente im Niemandsland zwischen Bibliothek und Universität. Ein Parcours zu verteilten Kompetenzen anhand einiger Beispiele aus der Arbeit des Leipziger Handschriftenzentrums, in: Fragmente und Fragmentierungen. Neue Zugänge zur mittelalterlichen deutschsprachigen Überlieferung. Freiburger Kolloquium 2023, hg. von Cornelia Herberichs und Robert Schöller in Verbindung mit Ricarda Bauschke und Mathias Herweg (Wolfram-Studien XXVIII), Berlin 2024, S. 437–469, 524–541.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Busch und Nicole Eichenberger (Gastredakteurin).
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Christoph Mackert, Hans-Jochen Schiewer (27. Juli 2026). Konzept, Bericht und Thesen zur Tagung „Archäologie der Handschrift. Erschließung, Präsentation und Forschung im digitalen Raum“. Mittelalter. Abgerufen am 9. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16m9d




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