Und es war Sommer

Ritter in Pause. Ausschnitt aus Douai, Bibliothèque Marceline Desbordes-Valmore, ms. 0193, f. 249v. Quelle: ARCA https://arca.irht.cnrs.fr/ark:/63955/md08v979x82j bei Lizenz CC BY-NC 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.fr
und was für einer!
Temperaturrekorde wurden schon im Juni gebrochen, die nächste Hitzewelle ist da und wir begeben uns nun pünktlich zum August in die gewohnte Sommerpause. Das tun wir natürlich nicht ohne den üblichen Klick zurück nach vorn! Lassen wir also die ersten sieben Monate des Jahres 2026 – mithin des vierzehnten Jahres unseres Bestehens als Mittelalterblog, Revue passieren.
Auch dieses Jahr begann, natürlich, mit einem Rezensionsüberblick, übrigens schon dem einhundertsiebenundfünfzigsten seiner Art bei uns. Zur Erinnerung: Unser allererster Blogpost, veröffentlicht am 29. Dezember 2012, war ein solcher Rezensionsüberblick. Nach Vorbild des Frühneuzeitblogs der RWTH Aachen und des Ordensgeschichte-Blogs hatten wir eine Übersicht der in jüngerer Zeit frei zugänglich online rezensierten uns mediävistisch oder mittelalterrezeptionsgeschichtlich relevant erscheinenden Publikationen erstellt. Der nächste Überblick folgte am 1. Februar 2013 und seitdem erscheint immer zum Monatsanfang bei uns eine solche Übersicht. Über die Zeit wuchs die Zahl der dafür für uns abgegrasten Rezensionsportale und Zeitschriften, schließlich war auch die Zahl der Zeitschriften und Portale selbst gewachsen, seit das (idealiter im Open Access praktizierte) elektronische Publizieren sich mehr und mehr in der Mediävistik etabliert hat.
Später im Januar folgte ein Aufsatz von Klaus Herbers, der im Rahmen unserer Reihe PAPALectures erschienen ist. Herbers widmete sich darin den vielfältigen Bildern des Papsttums, wie sie aus der Überlieferungsgeschichte ihrer (schriftlichen) Quellen entstehen und wie sie zusammenwirken. Dabei geht er auch auf Sammlungskontexte ein. Warum man im Mittelalter Quellen zur Papstgeschichte sammelte und in welcher Form man sie aufbewahrte, auch hierauf gibt der Aufsatz Antworten.
Der Februar brachte zunächst einen Bericht zur Sommerschule „Handschrift – Inschrift – Buchdruck. Medien der Schriftkultur im späten Mittelalter“. Sophie Grimm und Amelie Paulsen fassten darin ihren Eindruck vom traditionsreichen Greifswalder Kurs in der Ausgabe vom August 2025 zusammen und steuerten damit den insgesamt dritten Bericht zu der Veranstaltungsreihe bei, den wir auf diesem Blog publizieren durften.
Die ersten “1000 Worte Forschung” des Jahres 2026 lieferte im Februar Paul Sarich (Dresden), der in seiner Staatsexamensarbeit Mittelalternarrativen im digitalen Spiel und ihren Potenzialen für den Geschichtsunterricht untersucht hatte – am Beispiel von den Spielen Manor Lords und Foundation. Sarich lieferte damit einen Beitrag zum Themenfeld Mediävistik und digitale Spiele – einem Feld, das auf dem Blog auch schon in einem eigenen Beiheft beackert wurde.
Im März stand überwiegend die “Historie von Simon zu Trient” im Fokus. Die judenfeindliche Verschwörungserzählung aus dem Jahre 1475, im Erstdruck überliefert in einer Inkunabel aus Trient, war 2022/23 ein Thema einer Lehrveranstaltung an der RWTH Aachen zu Verschwörungserzählungen im Spätmittlelalter und heute gewesen. Begleitend zu einer digitalen Edition auf Grundlage des Münchener Exemplars der Inkunabel, die von Marco Heiles und Michael Schonhardt erarbeitet und im März publiziert wurde, sind insgesamt vier Blog-Beiträge zu der “Historie” erschienen. Zuerst hat Marco Heiles als damaliger Seminarleiter den Druck vorgestellt, als Verschwörungserzählung kontextualisiert, und damit die folgenden Beiträge ehemaliger Seminarteilnehmer*innen eingeleitet, die verschiedene Aspekte der “Historie” beleuchteten. Kevin Reinardy ging der Inszenierung des angeblichen Ritualmordes nach, die letztlich das Narrativ von Simon als Märtyrer stützen sollte. Hannah Heinrichs verfolgte die offensichtlich propagandistischen Absichten der “Historie” über die Text-Bild-Kombination – die Inkunabel enthält 12 Seiten mit ganzseitigen Holzschnitten und 14 Seiten mit Text, ist also sehr stark bebildert. Tobias Esser widmete sich schließlich der judenfeindlichen Ikonographie und untersucht die Verwendung und Umkehr christlicher Abendmahlmotivik in der “Historie”.
Geschlossen wurde der März im Blog mit weiteren “1000 Worten Forschung”: Sandra Groß und Katrin Rösler stellten darin ihr Forschungsprojekt zum Kloster Sankt Marien zu Helfta vor, in dem die Netzwerke des Konvents im Mittelpunkt stehen. Während das Kloster Helfta durch die drei Mystikerinnen Mechthild von Magdeburg, Gertrud von Helfta, und Mechthild von Hackeborn außerordentlich bekannt ist, fehlt es bisher an einer Gesamtdarstellung. Aufgrund der schwierigen Überlieferungslage wird diese Lücke auch durch das an der Dresdener Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte und der Sächsischen Akademi der Wissenschaften zu Leipzig aufgehangene Projekt nicht vollständig geschlossen werden können. Aber die Bearbeiterinnen streben an, die Perspektive auf das Kloster durch die Einbeziehung weiterer päpstlicher, städtischer, archäologischer und epigraphischer Überlieferung sowie chronikalischer Texte zu erweitern.
Ein weiterer Veranstaltungsbericht schloss sich im April an. Birgit Galda resümiert damit die Spring School “Schnittstelle Regest. Analoge und digitale Pfade zu Päpsten, Königen und Kaisern im europäischen Hochmittelalter”, die im März an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz stattgefunden hat. Für den Mai blieben wir gleich virtuell in Mainz: Der RI OPAC meldete ein Jubiläum – 3 Millionen Titel! Anlässlich dieser höchst beachtlichen Wegmarke bei der zentralen bibliographischen Datenbank für die Mediävistik dürften wir ein Interview mit dem Gründer der Datenbank, Dieter Rübsamen, veröffentlichen. Wir gratulieren herzlich zu diesem Jubiläum und laden hiermit gerne noch einmal dazu ein, die Frage zu beantworten, die Herr Rübsamen selbst am Ende an uns alle – die Nutzer*innen des RI OPAC stellte: Wie sehen Sie den RI OPAC, auch im Vergleich zu anderen Angeboten? Wofür nutzen Sie ihn? Was fehlt Ihnen? Wie vermitteln Sie seine Funktionsweise und seinen Nutzen Studierenden? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zum Beitrag!
Im Juli setzte Caterina Cappuccio mit ihrem Beitrag “Krise als Katalysator: Neue Interaktionsformen im Alexandrinischen Schisma” die PAPALectures fort. Sie widmete sich den personalen Verbindungen zwischen der päpstlichen Kurie und den Erzbistümern Mailand und Salzburg während des Alexandrinischen Schismas (1159 bis 1177). In dieser Zeit stützte sich Papst Alexander III. vermehrt auf Mitglieder seiner Kapelle, die in den Regionen eigene Ämter und Funktionen innehatten – eine spannende Erkenntnis (nicht nur) für Interessierte an mittelalterlicher Papstgeschichte! Evina Steinova berichtete im Beitrag “Modelling medieval manuscripts in Wikidata” über ihr NFDI4Memory FAIR Data Fellowship an der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel 2026. Aus einer umfassenden Untersuchung der Etymologias-Handschriften des Isidor von Sevilla hatte sie bereits über einen längeren Zeitraum eine beeindruckende Datengrundlage von über 500 vor dem Jahr 1000 erhaltenen Kopien dieses mittelalterlichen Bestsellers zusammengetragen. Ziel der Arbeit während des Fellowships war nun, diese Daten FAIR in einer Online-Datenbank und einer bearbeitbaren Datentabelle zugänglich zu machen und diese als Linked Open Data sinnvoll im Semantic Web zu verknüpfen. In ihrem Bericht schildert sie den Prozess der Integration in die Wikidata und die damit verbundenen Herausforderungen wie Datenmodellierung, Umgang mit Fremddaten und technische Probleme.
In diesem Monat ist auch unsere neue Artikelserie gestartet, die die Ergebnisse des Lehr- und Forschungsprojekts „Koelhoffsche Chronik 1499 digital“ dokumentiert, das an mehreren Universitäten angesiedelt ist. Seit 2022 wird unter der Leitung von Julia Bruch (Köln), Carla Meyer-Schlenkrich (Münster) und Paul Schweitzer-Martin (München) der Inkunabeldruck der „Cronica van der hilliger Stat van Coellen“, kurz Koelhoffsche Chronik genannt, digital ediert und inhaltlich erschlossen. Besonders schön an diesem Projekt und der Artikelserie ist, dass Studierende und Lehrende ihre Beiträge veröffentlichen. Nach der “Einführung” in die wissenschaftlichen Ziele und die didaktische Dimension des Projekts durch Carla Meyer-Schlenkrich erschienen die beiden ersten Beiträge. Jill Mari Brogner untersuchte das illustrierte “Titelblatt” als einen zentralen Funktionsträger dieses so bedeutenden Buches und stellt Überlegungen über die Bildkomposition und die damit verbundenen Erwartungen über Inhalt und Programmatik des gesamten Werkes an. Paula König trägt in ihrem Beitrag “Kölner Dom” die relevanten Illustrationen und Textstellen in der Chronik zusammen und kontextualisiert diese schriftlichen wie visuellen Erzählungen in ihren unterschiedlichen Funktionen für die Stadt, aber auch darüber hinaus.
Das erste Halbjahr beschließt der Veranstaltungsbericht von Christoph Mackert und Hans-Jochen Schiewer “Konzept, Bericht und Thesen zur Tagung „Archäologie der Handschrift. Erschließung, Präsentation und Forschung im digitalen Raum“. Wie der Titel bereits andeutet, erschöpft sich der Beitrag nicht in der Darstellung des Tagungsprogramms und seiner wissenschaftlichen Inhalte. In 9 Freiburger Thesen haben die beiden Organisatoren der Tagung die Kernanliegen aus den Diskussionen konzise aufbereitet, damit sie eine breitere Wirkung entfalten können. Diese sind getragen von einem sehr stark ausgeprägten Fokus auf das gemeinsame Handeln von Gedächtnisinstitutionen wie Archiven und Bibliotheken und Forschungseinrichtungen wie Universitäten und Akademien beim Erschließen, Erforschen, Zugänglichmachen und Vernetzen des schriftlichen Kulturerbes mit digitalen Methoden.
AMAD
Über AMAD gibt es schon sehr lange keine positiven Nachrichten mehr. Christof Rolker hat zu Recht in einem Kommentar beanstandet, dass Publikationen, für die damals durch die Zusammenarbeit mit dem hebis stabile Zitierfähigkeit und langfristige Verfügbarkeit garantiert wurden, nicht mehr auffindbar sind. Auch Klaus Graf stellt immer wieder verärgert fest, dass AMAD nicht funktioniert wie es soll – bitte selbst suchen, es sind mittlerweile viele Posts! Was sollen wir noch dazu sagen? Wir haben über Jahre alles getan, um eine gangbare Lösung zu finden! Aber wenn der Infrastrukturpartner trotz Verstetigungszusage den Dienst nach Projektende einstellt, hilft das größte Commitment durch uns auch nichts. Que sera, sera – oder: diesen Kampf müssen andere führen und nicht ehemalige Projektmitarbeiter*innen.
Wir wünschen allen angenehme, erholsame, heiße und erfrischende Sommertage und legen uns in Zeug für neue spannende Artikel ab September!
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Redaktion (1. August 2026). Und es war Sommer. Mittelalter. Abgerufen am 10. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16nda




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